Klassischer Frischzellenkurier aus der Schweiz

Spielzeit 2012-2013

Klassischer Frischzellenkurier aus der Schweiz

 
Die Hamburger Camerata hat ab der nächsten Saison mit Simon Gaudenz einen jungen neuen Chefdirigenten und organisiert sich neu.

Hamburg. Mit 25 ist ein Kammerorchester alles andere als alt, kann aber durchaus die eine oder andere Auffrischung vertragen, um Faltenbildung und Hüftsteifheit vorzubeugen. Bei der Hamburger Camerata soll der 37 Jahre alte Dirigent Simon Gaudenz aus der Schweiz diesen Job des Frischzellenkuriers übernehmen, er tritt als Nachfolger von Max Pommer ab Herbst 2012 für vorerst drei Jahre den Posten des Chefdirigenten an.
Der neue Maestro wird auch neue Strukturen vorfinden, denn für die Selbstverwaltung soll zukünftig eine gGmbH sorgen. Ganz freiwillig kam dieser Schritt wohl nicht, doch nach dem Abschied des bisherigen Hauptsponsors Frosta zum Ende dieser Saison muss neu gedacht und gerechnet werden. Alle Hoffnungen für den 350.000-Euro-Etat ruhen auf der Kulturbehörde, bei der man eine Anschubfinanzierung über 100.000 Euro beantragt hat, um sich von der Unsicherheit immer wieder neuer Projektförderanträge, die nie mehr als ein paar Tausend Euro bringen, unabhängiger zu machen.
Die Argumente in den langfristigen Businessplänen sind keine Kleinigkeiten, das Kammerorchester ist in seiner Angebotsnische gut aufgestellt, auch für die offiziellen Visionen in Sachen Musikstadt. Wegen der immensen Nachfrage werden die “Elbwichtel”-Kinderkonzerte sogar von zwei auf drei Terminen pro Projekt aufgestockt. Die Markenzeichen-Mützen werden inzwischen schon in Hongkong bestellt, weil die Nachfrage anders nicht kostendeckend zu befriedigen wäre. Aber die Chancen auf Gewährung dieser Finanzspritze, bei der bekannt schwierigen Haushaltslage? Da seien die Würfel noch nicht gefallen, sagt Geschäftsführer Robert Hille, optimistisch betont.
Um den musikalischen “Aufbruch in eine neue Ära” kümmert sich unterdessen Simon Gaudenz, der Ex-Klarinettist aus Basel mit Zierstecker im Ohrläppchen, der dort bis 2011 das Collegium musicum leitete und außerdem Erster Gastdirigent beim Odense Symphony Orchestra ist. Gaudenz’ erste programmatische Schwerpunkte werden die Beschäftigung mit der Wiener Klassik unter historisch informierten Vorzeichen sowie das eine oder andere zeitgenössische Werk sein, um die Motto-Abende zu würzen. Es hengelbrockt also leicht im Camerata-Spielplan, die Verjüngung beim ungleich größeren NDR-Sinfonieorchester inspiriert auch die Kammer-Kollegen.
Gaudenz schwärmt bei seinem Ausblick von “sprechendem Spiel” und “plastischem Musizieren”, und warum nicht auch mit Holzflöten oder Naturhorn-Klangeffekten; in seiner ersten Spielzeit will er Gemeinsamkeiten ausformen, danach könne das Weiterexperimentieren im Rahmen des Machbaren beginnen.
Vier der sechs Abo-Konzerte in der Laeiszhalle wird der neue Chef leiten, eine klare Ansage also, wer bestimmt, wo es langgehen soll: Den “Auftakt Gaudenz” macht Mitte September ein Abend mit den drei letzten Mozart-Sinfonien, im Dezember dirigiert er das Weihnachtskonzert mit Festtagssortiment. Es folgen ein Konzert mit “Russischen Visionen” von Schostakowitsch, Strawinsky und Prokofiew im April 2013 sowie die “Virtuose Serenade” mit einem Violin-Stipendiaten der Deutschen Stiftung Musikleben im Juni 2013. Für das “Peter und der Wolf”-Kinderkonzert hat die “Stiftung Kinderjahre” Eva Habermann als Sprecherin gewonnen. Das “Bach & Sons”-Konzert im November sowie das “Karneval”-Konzert im Februar dirigiert Ralf Gothóni, mit dem die Camerata eine Gastspielreise zum Musiikkitalo in Helsinki unternimmt – dem neuen Konzertsaal, der die Handschrift des Elbphilharmonie-Akustikers Toyota trägt. Noch eines dieser Signale, das zeigt, wie stark das Selbstbewusstsein der Camerata ist.
 
Joachim Mischke / HA / 20.04.2012
 
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